Faktencheck 21

Bilafacts – «Der Fachkräftemangel und die Zuwanderung sind ein sehr widersprüchliches Paar»

12. Oktober 2026


CH–EU Studien / Lobbyberichte
1× ❌5× ⚠️5× ✅
Nr.Aussage im ArtikelBegründungBeleg
1 ✅ Ausgangsbehauptung: «Der Fachkräftemangel wird durch die Zuwanderung verstärkt – das ist ein Teufelskreis.» Der Mechanismus ist ökonomisch nachvollziehbar und wird auch im Projekt «Rechnet sich Zuwanderung?» sichtbar: Zusätzliche Erwerbszuwanderung erhöht Produktion und Einkommen, zugleich aber Bevölkerung und Nachfrage nach Wohnen, Infrastruktur, Gesundheit, Bildung, Detailhandel und weiteren Dienstleistungen. Dadurch entsteht zusätzlicher Arbeitskräftebedarf. Wie stark dieser Rückkopplungseffekt ausfällt, ist sektor- und zeitraumabhängig; der Mechanismus selbst ist jedoch real. [S1][P1]
2 ✅ Bilafacts: Die Entwicklung der letzten Jahre bestätige, dass trotz Zuwanderung der Fachkräftemangel nicht beseitigt worden sei. Trotz hoher Zuwanderung bestehen in mehreren Branchen weiterhin Rekrutierungsengpässe. Das ist deskriptiv richtig. Daraus allein folgt weder, dass Zuwanderung den Mangel verursacht, noch dass sie ihn nicht lindert. [S1]
3 ❌ Ein gut qualifizierter Zuwanderer ziehe ein bis zwei weitere Zuwanderer nach. Für einen allgemeinen Multiplikator von «ein bis zwei» zusätzlichen Zuwanderern pro qualifizierter zugewanderter Person findet sich keine belastbare amtliche Kennzahl. Der Zweitrundeneffekt ist plausibel, die konkrete Zahl aber ohne klar definierte Methode und Population nicht belegt.
4 ✅ Sieben von zehn Personen, die aus der EU einwandern, träten direkt in den Arbeitsmarkt ein. Die amtlichen FZA-Daten bestätigen eine Grössenordnung von rund 70 % arbeitsmarktbezogener Zuwanderung aus EU/EFTA. Die genaue Quote hängt von Jahr und Definition ab; Bilafacts liegt mit «sieben von zehn» im Kern richtig. [S1]
5 ✅ Zuwanderung schliesse Lücken in Gesundheitswesen, Informatik, Ingenieurwesen, Bau, Gastgewerbe, Landwirtschaft und Reinigung. SECO-Daten zeigen eine starke arbeitsmarktgetriebene Zuwanderung und hohe EU/EFTA-Anteile in mehreren dieser Branchen. Für einzelne Berufe und Jahre unterscheiden sich die Engpässe, der Grundbefund ist aber belegt. [S1]
6 ✅ Der Konsum gut qualifizierter Zuwanderer erhöhe die Nachfrage nach weiteren Arbeitskräften und löse zusätzliche Zuwanderung aus. Mehr Erwerbstätige und mehr Bevölkerung erzeugen zusätzliche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Diese zusätzliche Nachfrage schafft wiederum Arbeitskräftebedarf und kann weitere Zuwanderung auslösen. Das Projekt «Rechnet sich Zuwanderung?» bildet solche zusätzlichen Kapazitäts- und Nachfragewirkungen gruppenbezogen ab. Nicht belegt ist damit ein fixer Multiplikator von «ein bis zwei» weiteren Zuwanderern. [P1]
7 ⚠️ Zuwanderungsbeschränkungen würden den Fachkräftemangel verschärfen, weil der direkte Entlastungseffekt grösser sei als der Zweitrundeneffekt. In stark rekrutierungsabhängigen Branchen ist ein negativer Effekt von Beschränkungen plausibel. Die Aussage macht daraus jedoch ein allgemeines Grössenverhältnis. Dieses hängt von Branche, Qualifikation, Kontingentierung, inländischem Potenzial, Produktivität und Zeithorizont ab. [S1][S3][S4]
8 ⚠️ Mehr Arbeit und Zuwanderung führten letztlich zu höherem Wohlstand. Mehr Beschäftigte erhöhen typischerweise das Gesamt-BIP. Für den Wohlstand der bestehenden Bevölkerung sind aber BIP pro Kopf, Produktivität, reale Einkommen, öffentliche Kosten, Wohnraum, Infrastruktur und Verteilung entscheidend. Gesamtwachstum allein beweist keinen höheren Pro-Kopf-Wohlstand. [S5]
9 ⚠️ 60 % der 2015 eingewanderten EU-Bürger hätten die Schweiz zehn Jahre später wieder verlassen. Amtliche Kohortendaten bestätigen für den Zuwanderungsjahrgang 2015 eine hohe Rückwanderung in der Grössenordnung von rund 60 % für die betrachtete Zuwanderungskohorte. Für die engere Formulierung «EU-Bürger» muss dieselbe Population nach Staatsangehörigkeit nachgewiesen werden; die Quote darf nicht ohne Abgrenzung übertragen werden.
10 ⚠️ Ohne Zuwanderung fehlten der Schweiz in zehn Jahren rund 400’000 Arbeitskräfte. Die SNB nennt rund 400’000 mehr altersbedingte Austritte aus dem Erwerbsalter als nachrückende Junge in zehn Jahren. Das sind nicht 400’000 nachgewiesene offene Stellen. Die effektive Arbeitskräftelücke hängt auch von Produktivität, KI/Automatisierung, Erwerbsbeteiligung, Ausbildung und dem inländischen Potenzial ab. BFS-Daten zeigen zusätzlich jährlich knapp 25’000 Aussteuerungen 2019–2023; 45–64-Jährige sind darunter überrepräsentiert und ein Teil sucht auch Jahre später noch Arbeit. Diese Gruppen überschneiden sich mit anderen Erwerbslosen und dürfen nicht addiert werden. KOF findet bereits erste negative Arbeitsnachfrageeffekte in stark KI-exponierten Berufen. [S2][S3][S4]
11 ⚠️ Schlussfolgerung von Bilafacts: Zuwanderung verstärke den Fachkräftemangel zwar, ohne Zuwanderung würde er aber noch stärker steigen. Der direkte Rekrutierungseffekt ist in vielen Branchen real; Zweitrundeneffekte ebenfalls. Welche Wirkung überwiegt, ist aber keine zeitlose Tatsache. Sie hängt von Qualifikationsmix, inländischem Arbeitskräftepotenzial, Produktivität, Automatisierung/KI und der konkreten Zuwanderungssteuerung ab. [S1][S2][S3][S4]

Quellenbasis

  • [S1] SECO: 22. Observatoriumsbericht zum FZA, 25.06.2026. Quelle →
  • [S2] SNB Economic Note 7/2025: demografisch rund 400’000 mehr Austritte als Eintritte in den nächsten zehn Jahren; Produktivität kann kompensieren. Quelle →
  • [S3] BFS: Situation ausgesteuerter Personen 2019–2023; jährlich knapp 25’000, Ü45–64 überrepräsentiert, 15 % nach fünf Jahren weiterhin stellensuchend. Quelle →
  • [S4] KOF/ETH: erste Evidenz zu KI; in stark KI-exponierten Berufen bis zu 27 % stärkere Zunahme registrierter Arbeitslosigkeit und relativ weniger Stelleninserate. Quelle →
  • [P1] Projekt «Rechnet sich Zuwanderung?» – MASTER_V9_2_Endfassung.xlsx; gruppenbezogene Modellrechnung auf Basis amtlicher Quellen, verwendet für Nachfrage-, Kapazitäts- und Saldoeffekte. Eigene Modellwerte werden ausdrücklich als solche gekennzeichnet.

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