Faktencheck 23

Bilafacts – «Warum unsere Spitäler ohne EU-Personal an den Anschlag kämen»

14. Oktober 2026


CH–EU Studien / Lobbyberichte
6× ⚠️5× ✅
Nr.Aussage im ArtikelBegründungBeleg
1 ⚠️ Gesamtthese: Ohne Personal aus der EU kämen die Schweizer Spitäler «an den Anschlag» beziehungsweise die Versorgung drohe zu kollabieren. Die starke Abhängigkeit des Gesundheitswesens von ausländischem Personal ist amtlich gut belegt. Daraus folgt aber keine quantifizierte Gewissheit eines «Kollapses»: Entscheidend wären Umfang und Tempo einer Rekrutierungsbeschränkung, Verbleib bereits Beschäftigter, Ausbildung, Produktivität und organisatorische Anpassungen. Für die Abstimmung über das neue Vertragspaket ist zudem zentral: Eine Ablehnung beendet das bestehende FZA nicht automatisch. Die heutige Rekrutierungssituation für EU/EFTA-Personal würde sich deshalb durch ein Nein zunächst nicht ändern. [S1][S2][S3][S4][T1]
2 ⚠️ Die Schweiz sei seit Jahren nicht in der Lage, genügend eigenes medizinisches Personal auszubilden. Die hohe Zahl anerkannter ausländischer Arztdiplome und der hohe Anteil ausländisch ausgebildeten Pflegepersonals zeigen eine anhaltende Abhängigkeit. «Nicht in der Lage» ist dennoch zu absolut: Die Schweiz bildet eigenes Personal aus und hat Kapazitäten ausgebaut; die Frage ist, ob die heutige Nachfrage aus eigener Ausbildung gedeckt wird. Das ist derzeit klar nicht der Fall. [S1][S2]
3 ✅ 70 % der jährlich neu anerkannten Arztdiplome stammten aus dem Ausland. 2024 wurden 3’228 ausländische Humanmedizindiplome anerkannt. Zusammen mit den in der Schweiz erworbenen eidgenössischen Diplomen ergibt sich eine Grössenordnung von rund sieben Zehnteln ausländischer Diplome im jährlichen Zufluss. Die genaue Quote hängt von der verwendeten Definition des «jährlichen Zuflusses» ab. [S1]
4 ⚠️ Rund 22 % des Pflege- und Betreuungspersonals verfügten über ein ausländisches Diplom. Obsan/BFS bestätigen einen erheblichen Anteil im Ausland ausgebildeten Pflege- und Betreuungspersonals. Die Quote variiert jedoch deutlich nach Ausbildungsniveau, Spital/Pflegeheim und Region; eine pauschale 22-%-Zahl für «das Pflege- und Betreuungspersonal» braucht diese Abgrenzung. [S2]
5 ✅ An Schweizer Universitätsspitälern stamme ein erheblicher Teil des Personals aus der EU/EFTA. Die Personalstatistiken grosser Universitätsspitäler bestätigen einen hohen Anteil von Mitarbeitenden aus EU/EFTA-Staaten, besonders bei Ärzteschaft und Pflege. [S3]
6 ✅ Das FZA erleichtert EU-Bürgerinnen und -Bürgern die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in der Schweiz. Das FZA gewährt unter seinen Voraussetzungen Rechte auf Einreise, Aufenthalt und Zugang zu einer Erwerbstätigkeit. [T1]
7 ✅ Das FZA umfasst die gegenseitige Anerkennung beruflicher Qualifikationen. Die Anerkennung beruflicher Qualifikationen ist in Anhang III des FZA geregelt und für Gesundheitsberufe praktisch relevant. [T1]
8 ⚠️ Beschränkungen bei der Rekrutierung ausländischer Fachkräfte würden zwingend zu längeren Wartezeiten, Qualitätsverlusten und höheren Gesundheitskosten führen. Engpässe sind angesichts der heutigen Personalstruktur plausibel. «Zwingend» geht aber weiter als die Daten: Auswirkungen hängen von Umfang der Beschränkung, inländischer Ausbildung, Arbeitsbedingungen, Produktivität, Aufgabenverteilung und Nachfrageentwicklung ab. [S1][S2][S4]
9 ⚠️ Eine stärkere Ausbildung in der Schweiz könne den Bedarf an ausländischem Personal erst nach zehn bis fünfzehn Jahren vermindern. Bei Ärztinnen und Ärzten sind Ausbildung und Weiterbildung lang und ein Kapazitätsausbau wirkt verzögert. Der Zeitraum 10–15 Jahre ist als Grössenordnung für einen vollständigen Ausbildungspfad plausibel, lässt sich aber nicht pauschal auf alle Gesundheitsberufe übertragen. [S1]
10 ✅ Weniger Zuwanderung würde die Zahl der Patientinnen und Patienten reduzieren. Bei sonst gleichen Bedingungen führt eine kleinere Wohnbevölkerung zu weniger potenziellen Patientinnen und Patienten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine proportionale Entlastung, weil Alter, Gesundheitszustand und Leistungsinanspruchnahme entscheidend sind. [S4]
11 ⚠️ Ausländische Versicherte verursachten im Durchschnitt deutlich tiefere Gesundheitskosten als Schweizer Versicherte. Unbereinigte Durchschnittswerte können bei ausländischen Versicherten deutlich tiefer liegen, vor allem wegen der jüngeren Altersstruktur. Für die kausale Aussage über die Kostenwirkung der Zuwanderung ist ein Rohvergleich nach Nationalität ungeeignet; Alter, Geschlecht, Kanton und weitere Strukturmerkmale müssen berücksichtigt werden. Die Aussage ist deshalb ohne diese Einordnung irreführend.

Quellenbasis

  • [T1] Vertragstext: Freizügigkeitsabkommen und Anhang III zur gegenseitigen Anerkennung beruflicher Qualifikationen.
  • [S1] BAG: Ärztinnen und Ärzte 2024; 3’228 anerkannte ausländische Diplome Humanmedizin sowie eidgenössische Diplome. Quelle →
  • [S2] Obsan/BFS: Pflege- und Betreuungspersonal mit ausländischem Abschluss; Werte nach Ausbildungsniveau und Institution, mit methodischen Hinweisen. Quelle →
  • [S3] Universitätsspital Zürich: Personalstruktur / Geschäftsbericht; hoher Anteil ausländischer bzw. EU/EFTA-Beschäftigter. Quelle →
  • [S4] SECO: 22. Observatoriumsbericht; Gesundheits- und Sozialwesen als wichtiger Einsatzbereich von EU/EFTA-Arbeitskräften. Quelle →

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