Faktencheck 26

Bilafacts – «Stabile Handelsbeziehungen: Konzerne profitieren, aber was ist mit unseren KMU?»

17. Oktober 2026


CH–EU Studien / Lobbyberichte
1× ❌8× ⚠️4× ✅
Nr.Aussage im ArtikelBegründungBeleg
1 ⚠️ Ausgangsbehauptung von Alfred Gantner: Unternehmen müssten ihre Produkte heute in der EU zertifizieren lassen; praktisch sei das kein wirkliches Problem, weil die Schweiz die EU-Normen anerkenne. Die Anerkennung gleicher Produktnormen ersetzt die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen nicht. Das MRA ermöglicht, dass eine anerkannte Bewertung für beide Märkte genügt und vermeidet doppelte Verfahren. Ob die Zusatzbelastung ohne MRA für ein konkretes Unternehmen «kein wirkliches Problem» ist, ist eine empirische Unternehmensfrage. [T1][A1][S1]
2 ⚠️ Bilafacts: Die Aussage Gantners sei deshalb insgesamt «nicht korrekt». Bilafacts hat beim Unterschied zwischen Normenangleichung und gegenseitiger Anerkennung der Zertifizierung recht. Die praktische Kostenbelastung ist jedoch heterogen; die Originalstudie zeigt gerade für einzelne kleinere Unternehmen hohe Werte. Eine pauschale Gesamtwiderlegung geht zu weit. [A1][S1]
3 ✅ Das MRA dient dazu, doppelte Konformitätsbewertungsverfahren zu vermeiden. Das ist eine Kernfunktion des MRA und wird sowohl im Vertrag als auch vom SECO ausdrücklich so beschrieben. [T1][A1]
4 ⚠️ Das MRA decke zwei Drittel des Werts des Handels mit Industrieprodukten und 96,6 Milliarden Franken Exportvolumen ab. «Rund zwei Drittel» ist amtlich belegt. Die 96,6-Mrd.-Zahl entspricht einem früheren Bezugsjahr beziehungsweise einer spezifischen Studienabgrenzung; aktuell nennt das SECO für 2024 über 105 Mrd. Franken Exportvolumen in den erfassten Sektoren. Die Aussage ist zeitabhängig, nicht grundsätzlich falsch. [A1]
5 ⚠️ Das Ausbleiben der MRA-Aktualisierung habe der Medtech-Branche einmalige Kosten von 0,3–0,7 % und laufende Kosten von 0,1–0,4 % des Umsatzes verursacht. Die genannten Prozentwerte stehen in der INFRAS-Studie. Für eine allgemeine Branchenaussage ist die Datenbasis aber zu schwach: Die Hauptauswertung beruht auf einem sehr kleinen Sample (14 Hersteller und 11 Händler). Zudem lässt sich aus der veröffentlichten Darstellung nicht ausreichend beurteilen, wie repräsentativ die Auswahl für die Gesamtheit der betroffenen Unternehmen ist. Das Befragungsergebnis ist dokumentiert; seine Übertragbarkeit auf die gesamte Medtech-Branche ist nicht seriös beurteilbar. [S1]
6 ⚠️ Bei einem Viertel der KMU hätten die einmaligen Zusatzkosten 9,3 % oder mehr und die laufenden Kosten 2,3 % des Umsatzes betragen. Die hohen Quantile finden sich in der Originalstudie, beziehen sich aber nicht pauschal auf «ein Viertel aller KMU», sondern auf die befragten beziehungsweise ausgewerteten Herstellergruppen innerhalb eines kleinen Samples. Die Zahl ist real, die Verallgemeinerung zu breit. [S1]
7 ✅ Für einzelne KMU habe das Ausbleiben einer Aktualisierung des MRA existenzielle Probleme verursacht. INFRAS dokumentiert sehr heterogene Belastungen und Fälle mit erheblichen Problemen. Das ist eine Aussage über einzelne Unternehmen, keine Aussage über die gesamte Branche. [S1]
8 ⚠️ 1’200 ausländische Hersteller hätten aufgehört, den Schweizer Markt zu beliefern. Die Zahl wird als Branchenangabe verwendet, ist aber keine eigenständige amtliche Vollerhebung. Sie sollte als Verbands-/Marktbeobachtung gekennzeichnet werden und nicht als amtlich bestätigte Herstellerzahl.
9 ⚠️ Eine Aktualisierung des MRA würde die Versorgungssicherheit mit Medizinprodukten verbessern. Ein aktualisiertes MRA erleichtert Marktzugang und reduziert administrative Hürden. INFRAS fand jedoch trotz Nicht-Aktualisierung keine kritische allgemeine Versorgungssicherheitsentwicklung; fehlende Produkte waren vielfach substituierbar. Eine Verbesserung ist plausibel, aber nicht als sicherer quantifizierter Effekt belegt. [S1]
10 ✅ 73 % der befragten Unternehmen hielten das Paket für die eigene Tätigkeit und 83 % für die Branche für wichtig. Die von gfs.bern im Auftrag von Swiss Medtech durchgeführte Mitgliederumfrage weist 73 % beziehungsweise 83 % aus. 823 Mitglieder wurden angeschrieben, 323 antworteten (rund 40 % Rücklauf). Das Ergebnis beschreibt die Verbandsumfrage, nicht sämtliche Schweizer Unternehmen. [S2]
11 ⚠️ «Jeder dritte Arbeitsplatz» der Medtech-Branche hänge direkt von Aufträgen aus der EU ab. Swiss Medtech publiziert diese Kennzahl für die Branche. Sie ist als Verbandsangabe plausibel, aber keine amtliche kausale Arbeitsplatzrechnung; «hängt direkt ab» ist methodisch stärker als ein hoher EU-Umsatz-/Exportanteil. [S2]
12 ✅ Das neue institutionelle System sorgt dafür, dass einschlägige EU-Rechtsakte künftig laufend in das MRA integriert werden. Das institutionelle Protokoll verpflichtet die Parteien, einschlägige neue EU-Rechtsakte im erfassten Bereich möglichst rasch in das MRA zu integrieren. [T1]
13 ❌ Die EU sei historisch eher das Gegenteil eines «bürokratischen Monsters», weil sie mit Omnibus-Programmen Regeln vereinfache. Das ist eine politische Gesamtbewertung. Einzelne Deregulierungs- oder Omnibus-Programme können nachgewiesen werden; daraus folgt keine objektiv messbare Aussage über die gesamte historische EU-Regulierungsdichte oder Bürokratiebelastung.

Quellenbasis

  • [T1] Vertragstext: MRA und institutionelles Protokoll; gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen und dynamische Aktualisierung. Quelle →
  • [A1] SECO: MRA Schweiz–EU; rund zwei Drittel des Industriehandels und Funktion der Vermeidung doppelter Konformitätsbewertungen. Quelle →
  • [S1] INFRAS: Vertiefungsstudie MRA – Fallbeispiel Medizinprodukte; Kostenwerte, Stichprobengrösse und Unsicherheiten. Quelle →
  • [S2] Swiss Medtech/gfs.bern: Mitgliederumfrage 2025; 823 angeschrieben, 323 Antworten, 73 %/83 % Wichtigkeit; Branchenangaben separat als Verbandsdaten gekennzeichnet. Quelle →

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