1. Die Reserven schrumpfen nicht nur an einem Ort – sondern gleichzeitig

Infrastrukturdruck entsteht selten schlagartig. Er wächst dort, wo Systeme noch funktionieren, aber immer weniger Reserve haben. Genau das ist in der Schweiz heute sichtbar.

Die Bahn verzeichnet Rekordnachfrage. Die Nationalstrassen produzieren immer mehr Staustunden, obwohl die Verkehrsleistung deutlich langsamer wächst. Schulen kämpfen mit Personalmangel und zusätzlichem Raumbedarf. Im Gesundheitswesen steigt der Bedarf gleichzeitig wegen Bevölkerungswachstum und Alterung. Und unterhalb der sichtbaren Oberfläche wachsen auch die Anforderungen an Leitungen, Netze und Versorgungssysteme.

Einordnung Die infrastrukturelle Kernfrage lautet deshalb nicht, ob die Schweiz noch funktioniert. Sie lautet, wie viel Reserve in den Systemen überhaupt noch vorhanden ist.
Verkehrsengpässe in der Schweiz: Stau auf Nationalstrassen und Kapazitätsgrenzen auf Bahnkorridoren
Verkehrsengpässe auf Schiene und Strasse: Die Belastung wächst schneller als die Kapazität. Quellen: ASTRA, BAV, SBB.

2. Bahn: auf Wachstum ausgelegt – aber schon heute im Spitzenbetrieb

Noch nie waren so viele Menschen mit der SBB unterwegs wie 2024: täglich nutzten 1,39 Millionen Reisende die Züge. Auf stark belasteten Achsen wie Zürich–Winterthur, Bern–Zürich oder Lausanne–Genf ist die Kapazitätsfrage längst keine Theorie mehr, sondern tägliche Betriebsrealität.

Der Bund reagiert mit dem Ausbauschritt 2035. Für dieses Paket hat das Parlament rund 16 Milliarden Franken bewilligt. Doch selbst das reicht gemäss BAV nicht aus, um den geplanten Angebotssprung stabil und zukunftsfähig umzusetzen. Ende 2024 wurde auf Fachebene ein zusätzlicher Finanzbedarf von bis zu 14 Milliarden Franken für die nächsten rund 20 Jahre ausgewiesen.

KennzahlWertQuelle / Jahr
Fahrgäste SBB täglich1,39 Mio.SBB Geschäftsbericht 2024
Ausbauschritt 2035 (bewilligt)rund 16 Mrd. FrankenBAV / Parlament 2019/2023
Zusätzlicher Bahnbedarf bis ~2045bis 14 Mrd. FrankenBAV, November 2024
EngpasskorridoreZürich–Winterthur, Bern–Zürich, Lausanne–GenfBAV / SBB

Das ist die eigentliche Botschaft: Je dichter das Angebot und je stärker die Nachfrage, desto teurer wird die Entlastung. Wachstum auf der Schiene ist möglich – aber nicht ohne weitere Milliardeninvestitionen.

Einordnung Die Bahn ist ein Erfolgsmodell. Gerade deshalb zeigt sie, wie schnell hohe Nachfrage in hohe Zusatzkosten umschlagen kann.

3. Strassen: Rekordstau ist das Warnzeichen des Systems

Die Nationalstrassen machen nur einen kleinen Teil des gesamten Strassennetzes aus, tragen aber einen sehr grossen Teil der Verkehrsleistung. 2023 wurden dort 29,6 Milliarden Fahrzeugkilometer zurückgelegt, ein Plus von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Entscheidend ist jedoch nicht nur die Fahrleistung, sondern die Reaktion des Systems: Im selben Jahr wurden 48'807 Staustunden registriert – ein Rekordwert und ein Anstieg von 22,4 Prozent. 86,7 Prozent dieser Staustunden gingen auf Verkehrsüberlastung zurück, nicht primär auf Unfälle oder Baustellen.

Indikator2023Vergleich
Staustunden auf Nationalstrassen48'807 StundenNeuer Rekordwert
Davon durch Verkehrsüberlastung86,7 %Nicht Unfälle, nicht Baustellen
Jahresveränderung Staustunden+22,4 %vs. +1,5 % Fahrzeugkilometer
Fahrzeugkilometer total 202329,6 Mrd. km+1,5 % ggü. 2022

Diese Schere ist das Warnsignal: Wenn eine moderate Verkehrszunahme zu einer massiv überproportionalen Zunahme der Stauzeit führt, zeigt das ein Netz, das seine Puffer verliert.

Einordnung Bei einer wachsenden Bevölkerung verschärft sich genau diese Logik: nicht linear, sondern überproportional.

4. Infrastruktur ist auch Personal: Schule und Pflege als Engpassfelder

Infrastruktur besteht nicht nur aus Beton, Schienen und Asphalt. Sie besteht auch aus genügend Menschen, die Systeme betreiben.

Schule: Der Lehrpersonenmangel ist in der Schweiz kein Randphänomen mehr. Für das Schuljahr 2024/25 hat das Volksschulamt des Kantons Zürich auf allen Stufen der Volksschule eine Ausnahmeregelung erlassen, damit Schulen auch Personen ohne vollständiges Lehrdiplom anstellen können. Das zeigt: Wo Schülerzahlen steigen und der Arbeitsmarkt angespannt ist, geraten die Systeme nicht erst beim Schulhausbau, sondern schon bei der Personalbesetzung unter Druck.

Pflege: Im Gesundheitswesen ist die Lage noch klarer quantifizierbar. Gemäss dem Nationalen Versorgungsbericht 2021 werden bis 2030 auf Tertiärstufe rund 43'000 zusätzliche Pflegefachkräfte benötigt. Bei unverändertem Ausbildungssystem werden aber nur rund 29'000 Abschlüsse erwartet. Daraus ergibt sich eine strukturelle Lücke von rund 14'500 Pflegefachkräften.

BereichBefundQuelle
Lehrpersonenmangel ZH 2024/25Ausnahmeregelung auf allen VolksschulstufenVolksschulamt Kanton Zürich
Pflegefachkräfte Bedarf bis 2030rund 43'000 (Tertiärstufe)Obsan, Nationaler Versorgungsbericht 2021
Erwartete Abschlüsse bis 2030rund 29'000Obsan 2021
Strukturelle Lücke Pflegerund 14'500 FachkräfteObsan 2021

Gleichzeitig steigt der Pflegebedarf aus zwei Richtungen: mehr Bevölkerung insgesamt und mehr ältere Menschen mit höherem Pflegebedarf.

Einordnung Wachstum verlangt nicht nur neue Infrastruktur, sondern auch genügend qualifiziertes Personal. Gerade daran fehlt es schon heute.
Personalengpässe in Pflege und Schule: Lücken in Ausbildung und Bedarf bis 2030
Strukturelle Personallücken in Pflege und Schule – die Engpässe entstehen bereits vor dem Bau. Quellen: Obsan, EDK, Volksschulamt Kanton Zürich.

5. Wasser, Strom und Netze: der Druck wächst auch unter der Oberfläche

Ein Teil des Infrastrukturproblems ist im Alltag sichtbar – überfüllte Züge, Stau, knapper Schulraum. Ein anderer Teil bleibt unsichtbar, bis er teuer wird: Leitungsnetze, Verteilinfrastruktur, Kapazitätsreserven und Erneuerungszyklen.

Bei der Wasserversorgung besteht in vielen Regionen Erneuerungsbedarf in bestehenden Netzen. Beim Strom kommt zusätzlicher Druck aus mehreren Richtungen gleichzeitig: Bevölkerungswachstum, Elektromobilität, Wärmepumpen und allgemeine Elektrifizierung. Swissgrid geht davon aus, dass der Strombedarf der Schweiz bis 2050 um 30 bis 40 Prozent steigen kann.

Einordnung Die Schweiz braucht nicht nur mehr Infrastruktur an der Oberfläche. Sie braucht auch stärkere Netze im Hintergrund, die dieses Wachstum überhaupt tragen können.

6. Die Frage ist nicht, ob ausgebaut wird – sondern wie weit und wie teuer

Die öffentliche Planung zeigt bereits heute, dass Wachstum nicht gratis absorbiert wird.

BereichBefund / BetragQuelle
Ausbauschritt 2035 Bahnrund 16 Mrd. Franken bewilligtBAV / Parlament
Zusätzlicher Bahnbedarf ~20 Jahrebis zu 14 Mrd. FrankenBAV, November 2024
Rekordstau Nationalstrassen 202348'807 Stunden, +22,4 %ASTRA 2024
Strukturelle Personallücke Pflegerund 14'500 Fachkräfte bis 2030Obsan 2021
Personelle Anspannung SchuleAusnahmeregelung Kanton Zürich 2024/25Volksschulamt ZH
Strombedarf Wachstum bis 2050+30 bis 40 %Swissgrid

Die Infrastruktur der Schweiz ist leistungsfähig – aber nicht folgenlos belastbar. 10 Millionen Menschen bedeuten nicht einfach mehr Nutzung. 10 Millionen bedeuten mehr Spitzenlast, mehr Investitionsdruck, mehr Fachkräftebedarf und mehr politische Verantwortung für die Frage, ob diese Entwicklung noch aktiv gestaltet wird oder nur noch hinterherläuft.

Was diese Seite zeigt
  • Die Schweiz hat bereits vor 10 Millionen Einwohnern sichtbare Infrastrukturengpässe.
  • Bahn und Strassen reagieren in den Spitzen schon heute empfindlich.
  • Infrastruktur ist nicht nur Bauwerk, sondern auch Personalreserve.
  • Besonders kritisch sind Schule, Pflege, Strom- und Verkehrsnetze.
  • Wachstum ist technisch möglich, aber nur mit zusätzlichem Geld, zusätzlichem Raum und zusätzlichem Personal.