1. Die 10-Millionen-Schwelle ist näher, als viele wahrhaben wollen

Ende 2024 zählte die Schweiz 9,05 Millionen ständige Einwohnerinnen und Einwohner – ein historischer Höchststand. 1950 waren es noch rund 4,7 Millionen. In 75 Jahren hat sich die Bevölkerung damit nahezu verdoppelt.

Zwischen 2000 und 2024 wuchs die Bevölkerung um knapp 1,9 Millionen Menschen. Das entspricht nicht einfach einer statistischen Verschiebung, sondern einer dauerhaften Verdichtung des Alltags: mehr Wohnungen, mehr Verkehrsströme, mehr Schulraum, mehr Energiebedarf, mehr Druck auf den ohnehin knappen Siedlungsraum.

Das Wachstum verlief nicht gleichmässig. Nach einer Phase der Verlangsamung in den 1970er-Jahren wurde seit 2007 die Marke von 1 Prozent jährlichem Wachstum regelmässig erreicht oder überschritten. Die demografische Dynamik ist damit kein Ausnahmeeffekt, sondern seit Jahren Teil der neuen Normalität.

BevölkerungszahlJahr
4,7 Millionen1950
5,3 Millionen1960
6,0 Millionenca. 1967
7,2 Millionen2000
8,0 Millionen2012
9,0 Millionen2024
10,0 Millionen~2040 (Prognose BFS)

Quellen: BFS – Stand und Entwicklung der Bevölkerung | BFS – Szenarien 2025–2055 (April 2025)

EinordnungDie Schweiz steht nicht erst vor einem möglichen Wachstumsschub. Sie steckt bereits mitten in einer Entwicklung, die auf die nächste Millionen-Schwelle zuläuft.

2. Das Referenzszenario führt direkt über 10 Millionen

Das BFS veröffentlichte im April 2025 seine neue Szenarienreihe für den Zeitraum 2025 bis 2055. Im Referenzszenario steigt die ständige Wohnbevölkerung von 9,0 Millionen Ende 2024 auf rund 10,0 Millionen um 2040 und auf 10,5 Millionen bis 2055.

Szenario20402055
Referenz (mittlere Annahmen)~10,0 Mio.10,5 Mio.
Hoch (hohe Migration)~10,5 Mio.11,7 Mio.
Tief (geringe Migration)~9,7 Mio.9,3 Mio.*

* Im tiefen Szenario wird der Bevölkerungshöchststand 2042 erreicht; danach sinkt die Bevölkerung.

Diese Bandbreite zeigt zweierlei: Erstens ist die 10-Millionen-Schwelle nach heutiger Datenlage kein Extremfall, sondern die mittlere Annahme. Zweitens hängt die tatsächliche Entwicklung stark von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen ab.

Entscheidend: Ab 2035 wird das gesamte Bevölkerungswachstum im Referenzszenario ausschliesslich migrationsbedingt sein. Der Geburtenüberschuss wird ab diesem Zeitpunkt negativ. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung schrumpfen.

Quellen: BFS – Szenarien 2025–2055 (interaktives Dashboard) | Vollständiger Bericht (PDF, April 2025)

EinordnungDie Entwicklung ist nicht naturgegeben. Sie ist politisch mitgeprägt – und genau deshalb eine Frage der Steuerung.

3. Frühere Szenarien zeigen: Referenzwerte sind keine Sicherheitsgarantie

Das BFS aktualisiert seine Szenarien im Abstand von fünf Jahren. Die Vorgängerreihe 2020–2050 lag insgesamt nicht völlig daneben, wurde aber in den letzten Jahren durch reale Ereignisse teils klar überholt.

2020 und 2021 verlief die Entwicklung wegen Covid vorübergehend unter dem Referenzpfad. Ab 2022 kehrte sich das Bild um: Die Asylzuwanderung aus der Ukraine und die starke Arbeitsmigration liessen die Bevölkerungszahlen rasch wieder ansteigen. Bereits 2023 wurde mit einem Wanderungssaldo von 142'300 Personen ein historischer Höchstwert erreicht – weit ausserhalb jeder damaligen Modellerwartung.

Das zeigt die eigentliche Schwäche solcher Szenarien: Sie arbeiten mit plausiblen Annahmen, aber nicht mit politischen Schocks, geopolitischen Verwerfungen oder abrupten Migrationssprüngen. Wer Infrastruktur, Wohnraum und Verkehrsnetze nur entlang mittlerer Szenarien plant, plant daher systematisch mit Unsicherheit.

Quelle: BFS – Szenarienreihe 2025–2055: Erläuterungen zur Modellpräzision

EinordnungReferenzwerte beruhigen schnell. Die Realität kann sie jedoch in kurzer Zeit überholen.

4. Das Wachstum kommt fast nur noch von aussen

Bevölkerungswachstum ist nicht gleich Bevölkerungswachstum. Entscheidend ist, woher es kommt.

142'300
Wanderungssaldo 2023 – höchster Wert der Schweizer Geschichte
95%
des Bevölkerungswachstums 2023 waren migrationsbedingt
1,33
Kinder pro Frau (2023) – historischer Tiefstand; Reproduktionsniveau: 2,1

Im Jahr 2023 war die Schweiz mit einem Wanderungssaldo von 142'300 Personen konfrontiert – dem höchsten je gemessenen Wert. Rund 95 Prozent des gesamten Bevölkerungswachstums waren migrationsbedingt. Nur rund 5 Prozent stammten aus dem Geburtenüberschuss. Gleichzeitig sank die Geburtenhäufigkeit auf 1,33 Kinder pro Frau – ein historischer Tiefstand und deutlich unter dem Niveau, das für die Erneuerung der Generationen nötig wäre.

2024 ging der Wanderungssaldo zwar auf 83'392 Personen zurück, blieb aber hoch. Der Geburtenüberschuss lag nur noch bei 6'200 Personen, dem tiefsten Wert seit über einem Jahrhundert. In elf Kantonen – darunter Bern, Basel-Stadt, Tessin und Jura – starben bereits mehr Menschen, als geboren wurden.

Strukturelle Verschiebung ab 2035: Gemäss BFS-Referenzszenario wird ab diesem Zeitpunkt das gesamte Bevölkerungswachstum ausschliesslich von Zuwanderung getragen.

Aufschlüsselung des Schweizer Bevölkerungswachstums: Anteil Zuwanderung versus Geburtenüberschuss 2000–2024 mit Projektion bis 2035
Anteile von Wanderungssaldo und Geburtenüberschuss am jährlichen Bevölkerungswachstum der Schweiz. Ab 2035 wird das Wachstum gemäss BFS vollständig migrationsbedingt sein. Quellen: BFS – Bevölkerungskomponenten; SEM.

Quellen: BFS – Internationale Wanderung | SEM – Statistik Zuwanderung 2024 (PDF) | BFS – Bevölkerungskomponenten

EinordnungDie Schweiz wächst demografisch immer weniger aus sich selbst. Das macht das künftige Wachstum abhängiger von Migration, Konjunktur und politischer Steuerung.

5. Auf dem Papier Mittelfeld – im Mittelland längst unter Druck

Die Schweiz weist offiziell eine Bevölkerungsdichte von rund 220 Einwohnern pro km² auf. Das wirkt im europäischen Vergleich zunächst nicht aussergewöhnlich. Dieser Wert verschleiert jedoch die geografische Realität.

Rund 60 Prozent der Landesfläche bestehen aus Alpen und sind grösstenteils nicht oder nur begrenzt besiedelbar. Der eigentliche Siedlungs- und Nutzungsdruck konzentriert sich auf das Mittelland. Dort leben rund zwei Drittel der Bevölkerung auf rund einem Drittel der Landesfläche. Die effektive Dichte liegt dort bei rund 426 Einwohnern pro km² – also in einer Grössenordnung wie in den Niederlanden.

Land / RegionEinw. / km² (gesamt)
Niederlandeca. 413
Belgienca. 376
Deutschlandca. 234
Schweiz (offiziell)ca. 220
Dänemarkca. 140
Österreichca. 110
Schweiz (Mittelland)*ca. 426

* Mittelland: Das Gebiet zwischen Jura und Alpen, in dem zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung auf einem Drittel der Landesfläche leben.

Die relevante Frage ist deshalb nicht, wie viel Fläche die Schweiz insgesamt besitzt, sondern wie viel Raum dort verfügbar ist, wo Bevölkerung, Infrastruktur, Arbeitsplätze und Wachstum tatsächlich zusammenkommen.

Bevölkerungsdichte im Vergleich: effektive Dichte im Schweizer Mittelland versus europäische Länder und offizieller Schweizer Gesamtwert
Effektive Bevölkerungsdichte im Schweizer Mittelland im Vergleich zu europäischen Ländern. Quellen: BFS, Eurostat, Avenir Suisse.

Quellen: Avenir Suisse – Wie dicht ist die Schweiz besiedelt? | Eurostat – Bevölkerungsdaten Europa | Destatis / Wikipedia – Bevölkerungsdichte nach Ländern

EinordnungDas Problem ist nicht die Karte der Schweiz. Das Problem ist der real nutzbare Raum.

6. 10 Millionen heisst nicht nur mehr Menschen, sondern mehr Dauerbelastung

Das BFS-Referenzszenario bedeutet grob gesprochen: rund eine Million zusätzliche Menschen innerhalb von etwa 15 Jahren.

Diese Grössenordnung ist nicht abstrakt. Bis 2030 werden gemäss Wüest Partner rund 240'000 zusätzliche Haushalte benötigt, bis 2050 sogar rund 750'000 zusätzliche Haushalte gegenüber heute. Damit wächst der Druck auf Bauzonen, Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung, Schulen, Gesundheitswesen und kommunale Budgets.

Zudem verteilt sich das Wachstum nicht gleichmässig über das Land. Besonders stark wachsen gemäss BFS unter anderem Luzern, St. Gallen, Aargau, Thurgau, Genf und Waadt – gerade dort, wo Erschliessung, Pendlerströme und Siedlungsdruck bereits heute hoch sind.

Quellen: BFS – Szenarien 2025–2055, Medienmitteilung | Wüest Partner – Bevölkerung und Haushalte bis 2050

10 Millionen bedeuten nicht einfach mehr Bevölkerung. 10 Millionen bedeuten mehr Belastung im Raum, mehr Druck auf die Infrastruktur und mehr politische Verantwortung für die Frage, ob diese Entwicklung noch gesteuert wird oder nur noch verwaltet.

Was diese Seite zeigt
  • Die Schweiz steht bereits bei 9,05 Mio. Einwohnern – ein historischer Höchststand.
  • Das BFS sieht die 10-Millionen-Marke im Referenzszenario um 2040.
  • Bis 2055 reicht das Referenzszenario auf 10,5 Mio.; das hohe Szenario auf 11,7 Mio.
  • Ab 2035 ist das Wachstum gemäss BFS vollständig migrationsbedingt.
  • Die offizielle Dichtezahl unterschätzt den Druck im tatsächlich besiedelten Raum deutlich.