1. Der Wohnungsmarkt hat seine Reserve weitgehend verloren

Am 1. Juni 2024 wurden in der Schweiz 51'974 leerstehende Wohnungen gezählt. Das entspricht einer Leerstandsquote von 1,08 Prozent – dem vierten Rückgang in Folge seit dem Höchststand von 1,72 Prozent im Jahr 2020.

Damit ist die Reserve am Markt weitgehend abgeschmolzen. Laut Wüest Partner liegt das Gleichgewichtsniveau bei rund 1,27 Prozent. Der aktuelle Wert liegt also klar darunter. Das heisst: Der Markt ist nicht einfach angespannt, sondern strukturell zu knapp.

IndikatorWert (2024)
Leerstehende Wohnungen total51'974
Leerstandsquote gesamt1,08 %
Davon Mietwohnungen leer40'423
Rückgang gegenüber 2023–5,1 % (–2'791 Einheiten)
Rückgang seit Höchststand 2020–34 %
Gleichgewichtsniveau (Wüest Partner)~1,27 %

Besonders sichtbar wird das in den Zentren und wirtschaftsstarken Kantonen. Zug (0,39 %), Obwalden (0,44 %) und Genf (0,46 %) liegen deutlich unter 0,5 Prozent. Auch Zürich mit 0,56 Prozent lässt praktisch keinen Spielraum mehr. In solchen Märkten genügt schon zusätzliche Nachfrage, um Suchdruck und Preise spürbar weiter nach oben zu treiben.

Entwicklung der Leerstandsquote und der Angebotsmieten in der Schweiz 2015–2024
Leerstandsquote und Angebotsmieten im Gleichlauf: Seit 2020 sinkt der Leerstand kontinuierlich – und die Mieten folgen nach oben. Quellen: BFS Leerwohnungszählung 2024; Homegate/ZKB-Mietindex.

Quellen: BFS – Leerwohnungszählung 2024 (Medienmitteilung, 10.9.2024) | Wüest Partner – Leerstehende Wohnungen: Neueste Entwicklungen (Sept. 2024)

EinordnungEin Wohnungsmarkt mit 1,08 Prozent Leerstand hat kaum noch Puffer. Neue Nachfrage trifft nicht auf Reserve, sondern auf Knappheit.

2. Knappheit schlägt direkt auf Neuvermietungen durch

Die Angebotsmieten – also die Preise für neu ausgeschriebene Wohnungen – stiegen 2024 schweizweit um 3,2 Prozent. Besonders stark war der Anstieg in Luzern, Basel, Lugano, St. Gallen und Zürich. Wer neu mietet oder umzieht, trifft auf einen anderen Markt als jemand, der seit Jahren in derselben Wohnung lebt.

Stadt / RegionAnstieg Angebotsmieten 2024Tendenz
Luzern+9,1 %Stark steigend
Basel+5,8 %Steigend
Lugano+5,3 %Steigend
St. Gallen+4,9 %Steigend
Zürich+4,5 %Steigend
Lausanne+2,4 %Moderat
Bern+2,3 %Moderat
Genf+1,8 %Moderat
Schweiz gesamt+3,2 %Steigend

Genau darin liegt der politische Kern des Problems: Der bestehende Mieterschutz federt für viele Bestandsmieter einen Teil des Drucks ab. Sichtbar wird die Knappheit deshalb vor allem dort, wo Menschen neu in den Markt eintreten müssen – bei jungen Erwachsenen, Familien, Zuziehenden, getrennten Haushalten oder Personen, die aus beruflichen Gründen umziehen.

Die Folge ist eine stille Verschiebung: Nicht alle zahlen sofort mehr. Aber immer mehr Menschen finden nur noch später, kleiner, teurer oder weiter entfernt eine passende Wohnung.

Quellen: Homegate/ZKB-Mietindex 2024 | ImmoMapper – Mietspiegel Schweiz (Jan. 2024) | BWO – Mietpreisentwicklung und Wohnungsmangel (2024)

EinordnungSteigende Angebotsmieten sind nicht bloss ein statistischer Wert. Sie zeigen, dass Knappheit beim Wohnungswechsel unmittelbar in höhere Kosten übersetzt wird.

3. Mehr Menschen heisst nicht automatisch mehr Wohnungen

Die Wohnungsfrage verschärft sich nicht nur, weil mehr Menschen in der Schweiz leben, sondern auch, weil die Zahl der Haushalte schneller wächst als die Bevölkerung. Kleinere Haushalte, Alterung und veränderte Lebensformen erhöhen den Wohnflächenbedarf zusätzlich.

ZeitraumGeschätzte neue HaushalteQuelle / Basis
Bis 2030ca. +240'000Wüest Partner 2024
Bis 2050ca. +750'000Wüest Partner 2024 (BFS-Referenzszenario)
2023 fertiggestelltca. 55'000 neue WohnungenBFS Baustatistik 2023

Wüest Partner rechnet bis 2030 mit rund 240'000 zusätzlichen Haushalten, bis 2050 mit rund 750'000. Das ist wohnungspolitisch entscheidend: Nicht nur Köpfe brauchen Platz, sondern Haushalte. Und diese wachsen in der Schweiz langfristig schneller als die Bevölkerung selbst.

Gleichzeitig hält die Bautätigkeit nicht Schritt. Höhere Baukosten, Finanzierung, Einsprachen, knappe Bauzonen und lange Bewilligungsverfahren bremsen den Neubau. Wo Nachfrage schnell steigt, reagiert das Angebot deshalb zu langsam.

Haushaltswachstum und Wohnungsneubau in der Schweiz: Projektion bis 2050 nach BFS-Referenzszenario
Haushaltszahl wächst schneller als die Bevölkerung: Projektion bis 2050 nach BFS-Referenzszenario. Quellen: Wüest Partner 2024; BFS Baustatistik.

Quellen: Wüest Partner – Bevölkerung und Haushalte: Entwicklung in der Schweiz bis 2050 (Juni 2024) | BFS – Bevölkerungsszenarien 2025–2055 (April 2025)

EinordnungDie Lücke entsteht nicht erst dann, wenn zu wenig gebaut wird. Sie entsteht schon dann, wenn mehr Haushalte entstehen, als der Markt in nützlicher Frist aufnehmen kann.

4. Das Raumplanungsgesetz steuert Fläche – aber nicht die Nachfrage

Das Raumplanungsgesetz soll den Boden haushälterisch nutzen, Baugebiet von Nichtbaugebiet trennen und die Verdichtung nach innen stärken. Das ist wichtig. Aber das RPG löst den Grundkonflikt nicht.

Es steuert, wo gebaut werden soll. Es steuert nicht, wie stark die Nachfrage nach Wohnraum wächst.

Genau hier liegt die Grenze des bestehenden Systems: Wenn Bevölkerung und Haushalte stark zunehmen, stehen am Ende nur zwei Hauptpfade offen – mehr Verdichtung im bestehenden Siedlungsraum oder mehr Druck auf neue Flächen. Beide Wege haben ihren Preis.

Verdichtung bedeutet mehr Wohnungen auf gleicher Fläche, aber auch höhere Bauten, weniger Freiraum, mehr Nutzungskonflikte und mehr Belastung in gewachsenen Quartieren. Ausdehnung nach aussen schafft zusätzlichen Raum, geht aber zulasten von Kulturland, Landschaft und Infrastrukturkosten.

Zielkonflikt Verdichtung vs. Lebensqualität Mehr Menschen auf gleicher Fläche bedeutet: höhere Bauten, weniger Grünflächen, mehr Lärm, weniger Licht. RPG 2 (Bauen ausserhalb der Bauzonen) tritt gestaffelt ab 1. Januar 2026 in Kraft. Die Frage, ob Verdichtung allein die Wohnungsnachfrage auffangen kann, hängt direkt vom Ausmass des Bevölkerungswachstums ab.
Volksinitiative «Nachhaltige Bevölkerungsentwicklung» Die Initiative fordert, dass der Bund Massnahmen ergreift, um die Bevölkerungszahl langfristig auf einem nachhaltigen Niveau zu stabilisieren. Abstimmung: 14. Juni 2026. Initiativtext: bk.admin.ch – Volksinitiative «Nachhaltige Schweizer Bevölkerungsentwicklung»

Quellen: ARE – Raumplanungsrecht: RPG 1 und RPG 2 | EspaceSuisse – RPG und Siedlungsentwicklung

EinordnungRaumplanung kann Knappheit ordnen. Sie kann sie nicht wegplanen, wenn das Wachstum gross genug ist.

5. Der eigentliche Konflikt heisst Raum

Zwischen 1985 und 2009 gingen in der Schweiz rund 54'000 Hektaren Landwirtschaftsland verloren – das entspricht im Durchschnitt etwa einem Quadratmeter pro Sekunde. Seit der RPG-Revision hat sich das Tempo verlangsamt, doch der Grundkonflikt bleibt bestehen: Mehr Haushalte, mehr Wohnungen und mehr Erschliessung brauchen Raum – und davon hat die Schweiz im dicht besiedelten Mittelland nur begrenzt.

Darum ist die Wohnungsfrage nicht nur eine Marktfrage, sondern eine Raumfrage. Sie betrifft nicht nur Mieten, sondern auch Bauzonen, Pendlerdistanzen, Ortsbilder, Kulturland, Infrastruktur und Lebensqualität.

Wer über 10 Millionen Einwohner spricht, spricht deshalb immer auch darüber, wie viel Verdichtung die Schweiz tragen will, wie viel Fläche sie noch verbrauchen will und wie stark sie den Wachstumsdruck politisch steuern will.

Quellen: sanu durabilitas – Nachhaltiger Umgang mit Boden | BFS – Bodennutzung und Arealstatistik | ARE – Raumbeobachtung Schweiz

EinordnungDer Wohnungsmarkt ist das erste Warnsignal. Dahinter steht der grössere Konflikt um Raum, Dichte und Belastbarkeit.

6. Die Schweiz wohnt bereits unter Druck

Die Schweiz bewegt sich nicht in einen hypothetischen Wohnungsengpass hinein. Sie lebt bereits in einem Markt, der vielerorts kaum noch Reserve hat.

Sinkende Leerstände, steigende Angebotsmieten, wachsende Haushaltszahlen und begrenzter Raum sind keine voneinander getrennten Phänomene. Sie gehören zusammen. Je stärker die Bevölkerung wächst, desto sichtbarer wird dieser Zusammenhang.

Die Wohnungsfrage entscheidet sich nicht erst beim nächsten Bauprojekt. Sie entscheidet sich dort, wo die Schweiz beantwortet, wie viel Wachstum sie raumplanerisch, infrastrukturell und gesellschaftlich überhaupt noch tragen kann.

Was diese Seite zeigt
  • Der Leerstand ist seit 2020 vier Jahre in Folge gesunken – auf 1,08 Prozent.
  • 1,08 Prozent Leerstand bedeutet: Der Markt hat kaum noch Reserve.
  • Steigende Angebotsmieten treffen vor allem jene, die neu suchen oder umziehen müssen.
  • Bis 2030 entstehen rund 240'000 zusätzliche Haushalte, bis 2050 rund 750'000.
  • Die Wohnungsfrage ist nicht nur ein Preisproblem, sondern ein Konflikt um Raum.