F-35 / Air2030 · Analyse 3
Mehr Geld, weniger Flugzeuge – wer trägt die Folgen?
Stand: 27. September 2026 · Markus Lysser · Lesedauer: ca. 5 Min.
36 F-35A waren geplant. Heute braucht es zusätzliche Bundesmittel, während die ursprünglich vorgesehene Stückzahl nicht mehr sicher innerhalb des bisherigen Rahmens beschafft werden kann. Gleichzeitig verzögert sich die Patriot-Beschaffung um Jahre. Air2030 zeigt damit zwei unterschiedliche Risiken staatlicher Milliardenbeschaffungen: Preisrisiko und Lieferabhängigkeit.
Beim F-35 hat sich das Preisrisiko finanziell konkretisiert.
Bei Patriot ist vor allem ein Liefer- und Abhängigkeitsrisiko eingetreten.
In beiden Fällen liegt die wirtschaftliche Verantwortung am Ende beim Bund.
Auf einen Blick
| F-35A | Patriot | |
|---|---|---|
| ursprüngliche Planung | 36 Flugzeuge | Langstrecken-Luftverteidigung |
| eingetretenes Problem | höhere Kosten | Lieferverzögerung |
| zusätzliche Belastung | 394 Mio. CHF bewilligt | endgültige Mehrkosten offen |
| erwarteter Umfang | geringere Zahl als ursprünglich 36 | Lieferung um Jahre verschoben |
| Reaktion | maximal mögliche Flotte innerhalb des Finanzrahmens | Zahlungen zeitweise zurückgehalten |
| weitere Absicherung | – | zweites System vorgesehen |
F-35A: 36 Flugzeuge für 6,035 Milliarden Franken
2022 unterzeichnete die Schweiz den Vertrag über 36 F-35A für 6,035 Milliarden Franken.
Die damalige Kommunikation war eindeutig: Die Preise seien verbindlich.
Inzwischen ist klar, dass die ursprünglich geplanten 36 Flugzeuge innerhalb des vorgesehenen Rahmens nicht mehr ohne zusätzliche Mittel beschafft werden können.
Der Bund stellte deshalb zusätzliche Mittel bereit.
394 Millionen Franken zusätzlich
2026 bewilligte das Parlament einen zusätzlichen Verpflichtungskredit von 394 Millionen Franken.
Dieser Betrag soll zusätzliche Kosten auffangen und ermöglichen, innerhalb des maximalen Finanzrahmens möglichst viele F-35A zu beschaffen.
Nach aktuellem Planungsstand wird die ursprünglich vorgesehene Zahl von 36 Flugzeugen voraussichtlich nicht erreicht.
Damit wird das Preisrisiko auf zwei Ebenen sichtbar:
mehr öffentliche Mittel und gleichzeitig ein geringerer Beschaffungsumfang.
Wer bezahlt?
Die zusätzlichen Mittel stammen aus dem Bundeshaushalt.
Weder armasuisse noch frühere Verantwortliche oder externe Berater tragen einen privaten Kapitalverlust, wenn die Beschaffung teurer wird.
Der wirtschaftliche Risikoträger ist die Eidgenossenschaft.
Das bedeutet nicht, dass ein bestimmtes anderes Bundesprojekt automatisch um 394 Millionen Franken gekürzt wird. Eine solche direkte Zuordnung wäre ohne konkreten Budgetentscheid nicht belegbar.
Belastbar ist aber:
Der Bund benötigt zusätzliche finanzielle Mittel und erhält gleichzeitig voraussichtlich weniger Flugzeuge als ursprünglich geplant.
Weniger Flugzeuge sind ebenfalls eine Kostenfolge
Ein Beschaffungsrisiko zeigt sich nicht nur in Franken.
Wenn ein bestimmtes Budget weniger Material finanziert, entsteht auch ein Mengen- und Fähigkeitsrisiko.
Die ursprüngliche Planung beruhte auf 36 F-35A.
Wird diese Zahl reduziert, verändert sich der militärische Leistungsumfang gegenüber der ursprünglichen Planung.
Die genaue militärische Wirkung einer kleineren Flotte muss vom VBS und der Armee beurteilt werden. Finanziell ist der Zusammenhang jedoch klar:
Höhere Stückkosten beziehungsweise Zusatzkosten reduzieren innerhalb eines begrenzten Finanzrahmens die beschaffbare Menge.
Die Produktion selbst läuft weiter
Die Probleme bei Festpreis, Governance und Finanzierung dürfen nicht mit einem technischen Scheitern des F-35-Projekts gleichgesetzt werden.
Die Schweizer Flugzeuge befinden sich in Produktion.
Die dokumentierte Kritik betrifft vor allem Vertragsgestaltung, Risikovorsorge, Führung, Information und Finanzierung.
Diese Trennung ist wichtig: Ein Beschaffungs- und Governanceproblem ist nicht automatisch ein technisches Versagen des Flugzeugs.
Patriot: ein anderer Risikotyp
Beim Patriot-System liegt das Problem anders.
Hier steht nicht die ursprüngliche Festpreisfrage im Zentrum.
Die Schweiz ist bei Lieferung und Produktion von amerikanischen Kapazitäten und strategischen Prioritäten abhängig.
Aufgrund der internationalen Sicherheitslage wurden Patriot-Lieferungen neu priorisiert.
Die Schweizer Lieferung verzögert sich dadurch erheblich.
Fünf bis sieben Jahre Verzögerung
2026 teilte armasuisse mit, dass mit einer Verzögerung von fünf bis sieben Jahren gerechnet werden müsse.
Gleichzeitig waren zentrale Fragen zu Lieferterminen und Kosten noch offen.
Die Schweiz hielt deshalb zeitweise weitere Zahlungen zurück.
Das zeigt einen anderen Typ staatlichen Risikos:
Ein Vertrag kann abgeschlossen sein – die tatsächliche Lieferung hängt trotzdem von Produktionskapazitäten und politischen Prioritäten eines ausländischen Staates ab.
Hier reagierte der Bund mit einem Sicherheitsmechanismus
Solange wesentliche Fragen zu Lieferzeit, Zahlungsplan und Kosten offen waren, wurden Zahlungen zurückgehalten.
Damit wurde ein finanzieller Schutzmechanismus eingesetzt:
Weitere Mittel flossen nicht einfach weiter, solange zentrale Bedingungen ungeklärt waren.
Später nahm der Bundesrat die Zahlungen wieder auf, um weitere Verzögerungen möglichst zu begrenzen und andere Beschaffungen über das amerikanische Foreign-Military-Sales-System nicht zu gefährden.
Gerade diese Begründung macht die Abhängigkeit sichtbar.
Mehrere zentrale Rüstungsprojekte der Schweiz hängen vom gleichen Lieferstaat und teilweise vom gleichen Beschaffungssystem ab.
Ein zweites System soll die Abhängigkeit reduzieren
Der Bund prüft deshalb zusätzlich ein zweites System zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite.
Damit soll unter anderem die Abhängigkeit von einer einzelnen Lieferkette oder einem einzelnen Staat reduziert werden.
Diese zusätzliche Absicherung kostet wiederum Geld.
Die endgültigen Kosten stehen noch nicht fest.
F-35 und Patriot dürfen nicht künstlich zusammengerechnet werden
Die beiden Projekte zeigen unterschiedliche Risiken.
Beim F-35 ist ein zusätzlicher Kredit beschlossen.
Bei Patriot sind die endgültigen Kostenfolgen der Verzögerung noch offen.
Ein zusätzliches Luftverteidigungssystem besitzt zudem einen eigenen militärischen Nutzen und darf deshalb nicht vollständig als «Schaden» der Patriot-Verzögerung verbucht werden.
Eine saubere Risikoanalyse trennt deshalb:
F-35A: realisierte Mehrkosten und geringerer Beschaffungsumfang.
Patriot: Lieferverzögerung, offene Mehrkosten und zusätzliche Absicherung gegen Abhängigkeit.
Der Vergleich ist aufschlussreich
Beim F-35 erkannte die EFK vor Vertragsabschluss ein relevantes Preisrisiko und verlangte dessen Berücksichtigung.
armasuisse folgte dieser Empfehlung nicht entsprechend.
Bei Patriot reagierte der Bund auf das konkret gewordene Lieferproblem mit Zahlungsstopp, Neubewertung und Diversifikation.
Der Unterschied zeigt, worauf es bei staatlicher Risikovorsorge ankommt:
Risiken lassen sich nicht vollständig verhindern. Entscheidend ist, wie früh sie erkannt, quantifiziert und abgesichert werden.
Wer trägt am Ende das Risiko?
Wenn zentrale Annahmen bei staatlichen Grossbeschaffungen nicht halten, bleiben im Wesentlichen wenige Möglichkeiten:
mehr Geld bereitstellen, weniger beschaffen, später beschaffen, andere Projekte verschieben oder zusätzliche Absicherungen finanzieren.
Beim F-35 sind bereits zwei Folgen sichtbar:
mehr Geld und voraussichtlich eine kleinere Flotte als ursprünglich geplant.
Bei Patriot sind die endgültigen finanziellen Folgen noch offen.
Damit führt Air2030 direkt zur Kernfrage dieses Themenbereichs:
Welche Risiken waren vor dem Entscheid bekannt, welche Sicherheitsmarge wurde vorgesehen – und wer bezahlt, wenn diese Vorsorge nicht genügt?
Originalquellen
- armasuisse
Beschaffungsvertrag F-35A, 19. September 2022. (armasuisse) - GPK-N
Bericht und Unterlagen zum Fixpreis F-35A. (Schweizer Parlament) - VBS / armasuisse
Aktuelle Informationen zur F-35A-Beschaffung und Armeebotschaft 2026. (VBS) - armasuisse
Aktuelle Mitteilungen zur Patriot-Beschaffung. (armasuisse) - armasuisse
Organisation und öffentliche Beschaffungen. (armasuisse)